Höher – Schneller – Weiter
Ich war nicht in einem optimalen Fitnesszustand, vielleicht nur 90 % ideal Maße. Ich war auf vielen Veranstaltungen, wo über die Maße gegessen und getrunken wurde. Es gab eigentlich immer die Möglichkeit auf Veranstaltungen – ob privat oder beruflich, zu gehen. Allmählich bereitete es mir Probleme, da ich bisweilen verkatert keine guten Leistungen bringen konnte – egal in welchem Lebensbereich. Das alles in Summe hat sich extrem negativ auf Körper und Psyche ausgewirkt.
Die eigene Unzufriedenheit war der Antrieb
Dann kam eine sehr bedeutende und heftige Phase in meinem Leben. Wie lange diese dauerte: Tage, Wochen, Monate, gefühlt Jahre – ich kann es nicht mehr genau beziffern. Diese Zeit brachte mich zur Erkenntnis, dass ich das Leben, wie ich es führte, nicht weiterleben wollte. Ich wollte „Ich“ sein. Die eigene Unzufriedenheit mit der gesamten Lebensführung wurde so übermächtig, wie ich es noch nie zuvor erlebt hatte! Von einem Tag auf den nächsten habe ich alles in meinen Augen Negative aus meinem Leben verbannt. Meine Motivation war erschreckend und gleichzeitig gnadenlos. Vor der Arbeit, ob bei Wind, Regen, Kälte oder Hitze, absolvierte ich 13 Kilometer Joggen, manchmal zweimal am Tag. Ich fuhr jeden Tag nach der Arbeit (ob 20.00 Uhr oder 22.00 Uhr) ins Fitnessstudio und absolvierte mein Training. Die Ziele waren hoch. „Weg mit dem letzten minimalen Speck“ war mir zu wenig. Ich wollte den Körper eines Topmodels! Ich wollte ganz oben stehen! Alles andere wäre für mich suboptimal gewesen. Und so war ich dann auch nach Berlin zu Modelabels gekommen. Ich optimierte mein Leben. Ich optimierte meine Ernährung, nicht unbedingt gesundheitsorientiert, sondern mehr als Mittel zum Zweck. Ich optimierte mein Zeitmanagement, damit ich auch noch solche „Nebensächlichkeiten“ wie Freunde und Familie in meinem neuen Leben unterbringen konnte.
Das neue Lebenskonzept zog ich dann über einige Jahre hinweg durch. In den Jahren des neuen Lebenswandels verbesserten sich auch viele andere wichtige Lebensbereiche. Ich wurde besser im Job. Ich fühlte mich wacher, fitter und gesünder als jemals zuvor. Und als positiver Nebeneffekt verfügte ich auch noch über merklich mehr Selbstsicherheit. Das war toll – ich wollte jeden dieser Bereiche noch besser machen und noch ein Stückchen und noch ein Stückchen …
Der Stress war übermächtig
Nun war es leider so, dass irgendwann, ohne dass ich es wirklich bemerkte, die Grenze zwischen gesunder und ungesunder Optimierung verschwamm. Ich bin fest davon überzeugt, dass man ruhig ab und zu mal Vollgas im Leben geben darf. Aber die Dosis macht das Gift. Und wer dauerhaft alles ständig optimieren will, der wird früher oder später einen Rückschlag erleiden. Der andauernde selbst erzeugte Druck hatte allmählich physische und psychische Folgen: Schlafstörungen, Magen- und Darmprobleme, bisweilen nie gekannte Unsicherheiten und zuletzt sogar starke körperliche Stresssymptome. Es wurde Zeit, innezuhalten und nachzudenken.
Ich war nicht mehr „ich selbst“, nicht mehr gesellschaftsfähig – ein Individuum geworden ohne Spaß am Leben….
Alle Menschen sind verschieden. Was für den einen zu wenig ist, ist für den anderen schon zu viel. Jeder muss den für sich persönlich richtigen Weg finden! Deshalb gibt es keine hundertprozentigen Patentrezepte, aber sehr wohl Handlungsempfehlungen.
Ich begann, auf die unüberhörbaren Signale meines Körpers und meiner Psyche zu hören. Beide riefen schon lange Zeit nach einer Pause, und ich gönnte sie ihnen jetzt. Mein Training passe ich nun meinem Befinden an – nicht mehr umgekehrt. Auf der mentalen Ebene galt es, das Optimierungsvirus als sinnstiftende Lebenshaltung zu hinterfragen, denn es war ja die Wurzel allen Übels. Noch einmal: Die Dosis macht das Gift! Ich hatte mich über-optimiert! Ich achte nun darauf, gesunde Mittelwege zu finden. Ich achte darauf, körperliche und psychische Warnsignale und vor allem kritische Rückmeldungen ernst zu nehmen. Und vor allem achte ich nun darauf, mich auf das zu besinnen, was wirklich wichtig ist. Es ist die Familie! Es sind die Freunde, und es ist die Gesundheit. Hier und heute fühle ich mich jetzt wirklich mit dem guten Optimierungsvirus infiziert! Natürlich gehört das körperliche Training immer noch zu meinen Leidenschaften – aber es geht heute nicht mehr um „höher, schneller, weiter“.

